Buchbesprechung

KORNMÜLLER, Jens: Festschrift zum 200. Gründungstag des Max-PlanckGymnasiums in Trier, hg. vom Max-Planck-Gymnasium Trier. Trier 2022.

1822 startete der Schulleiter Johann Matthias Fischer mit vier weiteren Lehrkräften eine private Knaben-Bürgerschule, die zwar von der Stadt Trier beaufsichtigt, aber nicht finanziell unterstützt wurde. Die damals 25 Schüler wurden im Hinterhaus der Brauerei Walfisch‘ in der heutigen Brotstraße unterrichtet. Die Schule sollte im Unterschied zum damaligen Gymnasium keine Akademiker formen, sondern angehende Geschäftsleute mit praktischem Wissen“ ausbilden (S. 10). Aus dieser Knaben-Bürgerschule ist über etliche Entwicklungen das heutige Max-Planck-Gymnasium in Trier entstanden, aber auch das heutige Humboldt-Gymnasium Trier. Letzteres entstand 1914, als der Zweig des Königlichen Realgymnasiums am bisherigen Standort in der Dietrichstraße verblieb, während das Kaiser-Wilhelms-Gymnasium die neuen Räume in der Sichelstraße bezog.
Die Gründung der Schule vor 200 Jahren bot dem Max-Planck-Gymnasium (im Folgenden: MPG) die Gelegenheit, ein besonderes Schuljubiläum zu feiern und zu diesem Anlass eine Festschrift herauszugeben. Diese Festschrift will keine Chronologie sein (S. 6), von denen es bezüglich des MPGs in Trier bereits mehrere gibt,1 sondern eine Darstellung der Geschichte rund um die Schule, wozu drei Rubriken entwickelt werden:

1. die Schulgeschichte im engeren Sinn,
2. besondere Ereignisse der Schulgeschichte, aber auch der allgemeinen
Geschichte
und 3. Persönlichkeiten der Schule und aus dem Umfeld der Schule.

Einen ersten Überblick verschafft der kurze Textbeitrag, Eine Schule im Wandel‘, der die verschiedenen Entwicklungen der Schule, von der Knaben-Bürgerschule für die Stadt Trier über die Höhere Bürgerschule, Realschule erster Ordnung und Realgymnasium erfasst, dabei die verschiedenen Namen Königliches Kaiser-Wilhelms-Gymnasium mit Realgymnasium zum staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, zwischenzeitlich zur Kaiser-Wilhelm-Schule und zuletzt zum Max-Planck-Gymnasium sowie die unterschiedlichen Träger der Schule benennt. Ebenso bietet die im Beitrag enthaltene Karte einen Überblick über die verschiedenen Schulstandorte im Stadtgebiet von Trier. Insbesondere sporadisch Lesende werden den Überblick zu schätzen wissen, gestattet er doch beim Schmökern einzelner Kapitel immer die schnelle Herstellung eines Gesamtzusammenhangs der schulischen Geschichte (S. 8).

Lediglich die Sterne zur Lagebestimmung der Schulstandorte irritieren hier Etwas. Eine punktgenaue Verwendung von Hinweispfeilen wäre hilfreicher gewesen.
Betrachtet man die inhaltliche Übersicht, fällt auf, dass die Zeit des Nationalsozialismus einen breiten Betrachtungsraum einnimmt. Dies ist zum einen erklärbar mit den inhaltlichen Schwerpunkten und der unterrichtlichen Tätigkeit des Verfassers der Festschrift, Studiendirektor Jens Kornmüller, aber auch als Folge der intensiven Auseinandersetzung mit vielen Einzelschicksalen im Rahmen von Projektarbeiten und in Ergänzung zu verschiedenen Stolperstein Aktionen am MPG zu sehen. Kapitel mit Bezeichnungen wie ,Sie wurden im Holocaust ermordet‘, ,Sie haben die Lager überlebt‘ und ,Sie entkamen der Vernichtung durch Flucht‘ führen eine Vielzahl von Einzelschicksalen auf, die Absolventen der Schule nach ihrer Schulzeit erleben sollten. Exemplarisch hierzu ist auch das Interview mit dem vormaligen Schüler Jürgen Bassfreund, der das KZ Auschwitz überlebt hat (S. 78ff.). Im Kontrast dazu stehen die Darstellungen über nationalsozialistische In
doktrination an der Schule2 in Form von angepassten Lerninhalten, Aufgabenstrukturen und Prüfungsthemen, aber auch in Form von Umzügen und Ausstellungen wie ,auch ich bin Frontsoldat‘.
Persönliche Eindrücke des ehemaligen Schülers und späteren Lehrers am MPG Rudolf Schu über das Erleben des Bombenkrieges am KWS vermitteln dagegen die Brutalität des von Deutschland entfachten und nach Deutschland zurückgekehrten Krieges aus der Sicht eines gerade eingeschulten Pennälers (S. 76). Nicht verschwiegen wird, dass auch ehemalige Absolventen und Abiturienten der Schule im Dienst des NS-Staates standen wie der ärztliche Direktor Dr. Johann Recktenwald (S. 98f.), die Generale Herbert Loch und Eugen König (S. 100ff.), der später als Kriegsverbrecher verurteilte Gauleiter Albert Urmes (S. 102f.) und der Polizeipräsident und SS-Brigadeführer August Korreng (S. 103f.).
Bereits hier sollte deutlich geworden sein, dass konträre Schicksale ehemaliger Schüler ein wesentliches Charakteristikum der Festschrift darstellen.
Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch für die Kaiserzeit auf den Bismarck-Protegé Ferdinand Eduard Freiherr von Stumm (S. 24), den Vertreter einer katholischen Soziallehre Sebastian Georg Schäfer (S. 23) und den Wegbereiter der Dolchstoẞlegende Wilhelm von Stumm (S. 46f.).

Auf dem Boden einer christlichen Politik agierten - wenngleich mit unterschiedlicher Wirkung - der erste Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Wilhelm Boden (S. 120f.), der erste saarländische Ministerpräsident Johannes Hoffmann (S. 122f.) und der langjährige Bundesminister Gerhard Schröder (S. 125ff.). Hoffmann legte übrigens 1912 zusammen mit dem späteren Trierer Bischof Wehr (S. 132f.)3 das Abitur am KWG ab. Beide gehörten zu einer Gruppe von Zöglingen des Trierer Konvikts4I, die statt am FWG Trier am KWG ihre schulische Bildung erhielten. Dieser Zustrom dürfte auf das seit 1899 am KWG mögliche humanistische Abitur zurückzuführen sein (S. 33, 132).5 einen umfangreichen Zustrom erhielt das KWG auch von jüdischen Schülern in der Kaiserzeit (S. 26f.). Das in der Tradition der Bürger-Schule entstandene Gymnasium entsprach eher den Bedürfnissen dieser Gruppe als das deutlich katholisch orientierte FWG. Besonders das Schicksal des späteren Rabbiners von Oslo, Isaak Julius Samuel, wird mehrfach erwähnt (S. 27, 88f.).6 Isaak Julius Samuel stammte aus Freudenburg. Er kann neben der jüdischen Herkunft auch beispielhaft für den Zustrom von Schülern (und später Schülerinnen) aus dem Kreisgebiet genannt werden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wies das als Bürger-Schule gegründete MPG Trier immer wieder eine größere Schülerschaft aus dem Umland als aus dem Trierer Stadtgebiet auf.7

Einen breiten Raum in der Darstellung nimmt auch die Entwicklung der Schule in den vergangenen knapp 50 Jahren ein. Hier werden der Ausbau der Naturwissenschaften bis hin zur Vergabe des Mint-EC-Zertifikats, die Erfolge in Sportwettbewerben und der Aufbau des sportbetonten Zweiges am MPG, die zunehmende Digitalisierung des Schulalltags,8 der Abschied vom Dewora-Gebäude und die Aufstockung des Schulgebäudes entlang der Predigerstraße, die Einrichtung der Ganztagsschule und mehr dargestellt. Dabei wird die breite Ausrichtung der Schule deutlich, die neben Naturwissenschaften und Sport den Bereich Musik (Musik-Theater AG, Bläserklasse, Restaurierung der romantischen Orgel in der Aula), aber auch vielfältige Formen sozialen Engagements umfasst (jährlicher Sponsorenlauf, Ernennung zur Fairtrade-School u.a.) (S. 146f.).

Die Festschrift vermittelt vielfältige Kenntnisse zur Geschichte der Schule und zum geschichtlichen Umfeld der Schule in eingängiger Darstellung. Der Verfasser und seine Mitautoren sind stets um erzählende Anschaulichkeit, aber auch persönliche Bewertungen der Geschichte bemüht.9 Hervorzuheben ist auch die ausgezeichnete Bebilderung der Festschrift. Soweit möglich werden Fotos farbig, zumindest in akzentuierten Grauabstufungen präsentiert. Der Öffentlichkeit werden durch die Festschrift eine Vielzahl an Originalquellen in Bild und Text zugänglich gemacht. Mithilfe kleiner abgesetzter tabellarischer Einheiten werden immer wieder kurze Überblicke gegeben. Zudem veranschaulichen Interviews und Rückblicke ehemaliger Schülerinnen und Schüler die von ihnen erlebte Schule.10 Indirekt stellt die Festschrift auch die besondere Leistungsfähigkeit der Schule in Unterricht und Projektarbeit heraus.
Mehrere Beiträge wie der über Gerhard Schröder entstammen der schulischen Projektarbeit, auch Ergebnisse von Facharbeiten (z. B. über Albert Urmes)11 fanden ihren Weg in die Festschrift. Dem Verfasser und seinen Mitautoren gebührt zudem ein Lob für die Bereitschaft, mit dieser Festschrift den breiten Pfad chronikalischer Schuldarstellungen zugunsten einer medial anschaulichen und illustrativen Überblicksdarstellung verlassen zu haben.

Otmar Nieß, Trier


Überarbeitete Rezension aus: Kreisjahrbuch Trier-Saarburg 2023


1  Zuletzt: RAUSSEN, Bernd: 175 Jahre Kaiser Wilhelm(s) Gymnasium - Max-Planck-Gymnasium Trier. Trier 1997.

2  Ob eine Bücherverbrennung am 09.05.1933 stattfand, ist allerdings mit den auf S. 67 vermittelten konträren Positionen einzelner Autoren nicht lösbar. Zudem sollte mittlerweile bekannt sein, dass das Reichspropaganda-Ministerium wesentlich langfristiger die ,Säuberung‘ Öffentlicher Bibliotheken und damit auch der Schulbibliotheken betrieb. Dabei wurden die konfiszierten Bücher übrigens im Ausland zum Schaden der Autorinnen und Autoren wiederverkauft, während die Urheber im Exil nur geringe Einnahmen aus ihren Werken erzielen konnten. Vgl. GRAF, Angela: April/Mai 1933 - Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ und die Bücherverbrennungen, in: Verbrannt, geraubt, gerettet! Bücherverbrennungen in Deutschland. Eine Ausstellung der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung anlässlich des 70.
Jahrestages (Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bd. 13). Bonn 2003, S. 9-22, hier S. 20.
Diese systemische und über Jahre mit immer neu ergänzten Listen praktizierte Vorgehensweise macht dabei deutlich, dass das Reichspropaganda-Ministerium die Idee der Bücherverbrennungen lediglich als Unterstützungsmaßnahme am Beginn seiner Kampagne gegen, den undeutschen Geist‘ nutzte und förderte.

3   Auf Seite 133 muss es eindeutig Ehlenz (und nicht Ehrenz) heißen.

4   In der Festschrift „450 Jahre Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Trier“ werden beide wie die überwiegende Zahl der ehemaligen FWGler als Persönlichkeiten, die aus dem Konvikt hervorgingen, namentlich aufgezählt. Ein Hinweis auf das KWG unterbleibt allerdings. Vgl. Verein der Ehemaligen des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier e. V. und Schulleitung des FWG: Zukunft braucht Herkunft. 450 Jahre Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Trier 1561 - 2011. Trier 2011, S. 260.

5   Dieser Zusammenhang wird leider in der Festschrift nicht deutlich.

6   Vgl. hierzu auch: HEIDT, Günter/LENNARTZ, Dirk: Fast vergessene Zeugen. Juden in Freudenburg
und im Saar-Mosel-Raum 1321-1943. Norderstedt 2000. Hier findet sich auch ein kurzer Auszug aus der Beurteilung im Abiturzeugnis (S. 352, Anm. 956).

7   MPG Trier: Jahrbuch 1996/97, S. 133-135.

8   Es fehlt allerdings der Hinweis auf die Ernennung zur, ausgezeichneten Medienkompetenz-Schule‘ (2014), die das Gymnasium in Saarburg und das MPG in der Stadt Trier und im Kreis Trier-Saarburg als einzige Gymnasien erreichten.
https://medienkompetenz.bildung-rp.de/fileadmin/user_upload/medienkompetenz-machtschule.bildung-rp.de/dateien/Tabellen_MmS/Ausgezeichnete_Projektschulen_MMS_2012_-2018.pdf (Zugriff am 30.08.2022).-

9   Exemplarisch für diese engagierte Betrachtungsweise hier das Kapitel über den Namensgeber Wilhelm II. (S: 30f.). Zur Namensgebung ist allerdings zu beachten, dass zumindest Raussen Wilhelm I. als Namensgeber vermutet: RAUSSEN: Chronik, S. 10 stellt einen Zusammenhang zwischen der Umbenennung der Schule 1896 und der anstehenden 100. Wiederkehr des Geburtstags Wilhelms I. (22.03.1897) her. Das anlässlich der Umbenennung von Lehrer Caspar Isenkrahe verfasste Gedicht passt grundsätzlich auf beide Wilhelme, die Namensgebung der Schule im Genitiv (Wilhelms Gymnasium) könnte aber auf einen lebenden Herrscher Schließen lassen. Mit diesem Namen im Genetiv hatte bereits der Großvater Wilhelm I. mehrere Schulen unter seine Namenspatronage gestellt, so in Berlin 1861, in Königsberg 1874 und in Kassel 1886. Das fast zeitgleich zum Friedrich-Wilhelm-Gymnasium umbenannte Königliche Gymnasium in Trier führt einen vergleichbaren Genitiv nicht und bezieht sich mit Friedrich Wilhelm III., König von 1797 bis 1840, auf einen verstorbenen Herrscher.
Eher humorvoll zu werten allerdings S. 195 die Benennung von Hamburg als Deutschlands schönster Stadt.

10   Nur ein Beispiel: Die ersten Abiturientinnen des MPG erinnern sich im Interview an ihre Schulzeit unter dem Titel „Allein unter Männern!“ (S. 140f).

11   Zuletzt: MÜLLER, Moritz: Albert Urmes und seine Verantwortung bei der Nazifizierung Luxemburgs, in: Kurtrierisches Jahrbuch 60 (2020), S. 343-375.